RUSSLAND, NAH UND FERN
- Eine Reise auch mit der Transsib -
Auf einmal bin ich mittendrin: im Fernen Osten. Wie ein Katzensprung per Flugzeug von Moskau an das Japanische Meer. Vladivostok. Erst vor zehn Jahren für das „wirkliche“ Leben geöffnet. Als wichtiger militärischer Stützpunkt abgeschirmt vom Rest der Welt - am Ende der Welt. Einlass auch für Russen gar nicht oder nur mit Sondergenehmigung.
Sonnenschein, die Menschen in den Strassen mit langen Mänteln und schwarzen Pelzmützen. Die Frauen und jungen Mädchen auf High Heels, in Nylons und kurzen Röcken. Wer sagte eigentlich vor Reisebeginn, in Sibirien komme es nur auf „warm“ an, nicht auf „schön“? Es sind Menschen mit hübschen Gesichtern. Ich muss schon genau hinsehen: unter dem Rand der wuchtigen Pelzschapkas verrät sich das Alter seiner Träger erst auf den zweiten Blick. Die Frauen hier haben etwas elegisches, findet Neza. Viel lächeln tun sie nicht. Wir Fremden werden mit Abstand im Blick betrachtet.
Wir sind eine Reisegruppe von beinahe hundert Buddhisten aus der ganzen Welt, die drei Wochen lang vom asiatischen Vladivostok gen Westen bis ins europäische St. Petersburg reisen. Trotz dieser vielen Leute, stelle ich bei der späteren Sichtung meiner Kotaktbögen fest, sind meine Bilder oft sehr still und menschenleer. Dies ist auch eine innere Reise. Eine Reise mit Lama Ole, unserem buddhistischen Lehrer. In sein Kraftfeld eintauchen, möglichst viel davon aufnehmen und verstehen und später im Alltag damit weitermachen.
Es ist nicht so kalt, wie gedacht. Nur minus zehn Grad. Die Kleidung ist sehr warm und die Brise draußen ist nach der trockenen Heizungsluft drinnen eine willkommene Erfrischung. Der Meditations-Kurs findet in einem wunderschönen Puppentheater statt. Von außen ist dem Verfall Einhalt geboten: die Fassade ist frisch renoviert und leuchtet im Sonnenschein gelb und weiss. Innen macht die bröckelnde Vergänglichkeit der rotplüschigen Ränge und abgestoßenen Holzbestuhlung den ganzen Charme aus. Der Vorhang mit einer mehrfarbig gewebten Seen- und Berglandschaft lenkt meinen Blick und meine Aufmerksamkeit immer wieder von Ole´s Worten ab. Während des ersten Vortrages schlägt das Jet-Lag voll zu. So wie Fliegen tot von der Wand fallen, ergeben sich die Zuhörer im Rang in kleine Erschöpfungsschläfe. Schrecken hoch, wenn der Kopf wegnickt oder der Nacken steif wird und halten sich eine Weile mühsam wach. Schlaf reinigt Dummheit. Gegenüber im Rang hängen reihenweise die Köpfe schief. Derweil redet Ole und sein Übersetzer Vagid übersetzt.
Am zweiten Abend verabreden wir uns mit den örtlichen Russen zu einem Discobesuch. Das „Grand“ ist schwer zu finden, liegt schmucklos zwischen zwei düsteren Plattenbauten. Es ist schon Mitternacht an diesem Montag und außer den Angestellten scheint niemand da zu sein. Eine unserer Russinnen regelt für alle den Eintritt. Neben Bar und Tanzfläche gibt es jede Menge Tische. In Russland kann man in der Disco auch immer essen.
Es wird Techno gespielt und alle halbe Stunde ein paar Lieder Engtanz- und Schmusemusik. Da ist für jeden was dabei.
Plötzlich scheint der Schuppen aus allen Nähten zu platzen. Gehen die Russen in der Woche erst so spät aus oder wurden sie vom Personal informiert, dass Ausländer da sind, die wild tanzen?
Die Stimmung ist ausgezeichnet. Doch die Barfrauen haben noch was auf Lager. Sie haben eine Spur Hochprozentiges auf den Thresen gegossen und angezündet: auf vier Metern lodert eine kleine Feuerfront, blauorange züngelnd. Die Mädels an den Flaschen werfen den Kopf in den Nacken, lachen, klatschen in die Hände und tanzen im Rhythmus der Musik. Einmal wird noch nachgegossen, dann ersterben die Flammen langsam.
Als wieder Engtanzmusik läuft, kommt wie aus dem Nichts ein milchbübischer Russe an den Tisch und fordert mich zum Tanzen auf. Ein Moment des Widerwillens keimt auf, dann gehe ich mit ihm auf die Tanzfläche. Das kleine Russisch-Sprach-Programm, das ich vorher so tapfer absolviert habe, findet jetzt seine Anwendung. Etwa eben so viel spricht Andrej Englisch. Wir verbringen den Rest der dreieinhalb Minuten höflich lächelnd in permanenter Rechtsdrehung. Spasiba, danke. Dann gibt es wieder Techno.
In Russland kann jeder Autobesitzer auch Taxi sein. Unsere Russin Sascha hält einen Geländewagen an. Es ist halb vier. Der junge Fahrer erklärt sich bereit, uns zum Hotel zu fahren. Für hundert Rubel, etwa drei Euro. Die Ladefläche ist mit Autoreifen versperrt. Jens und Sascha quetschen sich auf den Beifahrersitz links ( das Auto ist ein Import aus Japan). Daniel, Anne und ich sitzen hinten. Tilman und sein Rucksack legen sich quer über unser aller Schöße. Die Enge ist drangvoll, über den Weg zum Hotel herrscht bei allen, inklusive Fahrer, Unklarheit. Da schreit Anne: „Mensch, Tilman, nicht bewegen, du liegst auf meinem Diafragma!“ Alle, die deutsch verstehen, lachen und Anne meint bloß ihr Zwerchfell.
Bei strahlend blauem Himmel steigen wir zum ersten Mal in die blauroten Waggons der Transsibirischen Eisenbahn. Zug Nummer eins, „RUSSLAND“. In fast drei Tagen nach Ulan-Ude. Tilman, Thorsten, Daffydd und ich teilen uns Abteil #3.
Es gibt vier Pritschen pro Abteil, einen kleinen Tisch und genügend Stauraum für unsere großen Rucksäcke. Es herrschen satte 28 Grad plus. Sofort schälen sich alle aus ihrer nordpoltauglichen Kleidung und schlüpfen in T-Shirts, kurze Hosen und Flip-Flops. Ole trägt diese Gummischläppchen auch, allerdings mit Socken.
Reisen mit Buddhisten unterliegen besonderen Gesetzen. Bei einer Reisegruppe unserer Größenordnung würde man als gesichert annehmen, dass irgendwann der große Knall kommt: hundert Individuen mit hundert Meinungen. Nichts dergleichen passiert. Die Laune ist gut, der Umgangston freundlich und von viel Lachen und Gesprächen geprägt. Kein lautes Wort, kein missgelauntes Gesicht. Was in jedem hochsteigt auf so einer gefühlsmäßig dichten Reise, wird mit viel Verständnis und auch Disziplin betrachtet und ins Lot gebracht. Jeder macht das mit sich aus oder mit ein paar guten Freunden, die an der Entwicklung teilhaben dürfen.
Frühstückszeit im Hotel Sputnik in Tomsk. Nach der Hälfte der Reise habe ich zum ersten und einzigen Mal einen emotionalen Tiefpunkt und das Gefühl, ich will jetzt sofort nach Hause. Einen Milchkaffee mit meiner Freundin Marion in der Wunderbar trinken und Männer können mir gestohlen bleiben. Zum Glück steht mir das leckerste Frühstück der ganzen Reise bevor (im Sinne des Wortes). Auf meinem Teller liegen zwei mit Frischkäse gefüllte Blini und zwei Pfannkuchen mit einem Mus, das aussieht wie Erdbeermarmelade aber nach Banane schmeckt. „Ich bin begeistert - und im Gegenteil zu allen anderen Frauen muss ich auch zunehmen“, sage ich zu Anne und Jonas. Dann stürze ich mich auf das Essen. Anne lacht und ruft: „Du brauchst keinen Mann, du brauchst Pfannkuchen!“ Kauende Zustimmung. Ja, so ist das wohl.
Auf der Transsib bin ich völlig ohne Zeitgefühl. Ein flüchtiger Gedanke an frühere Klassenfahrten kommt mir in den Sinn. Irgendjemand weiss immer, wo es wann hingeht und wie man dahin kommt. Ich weiss das auf dieser Reise nicht. Ich habe keine Uhr und kein Mobiltelefon mitgenommen und keine Ahnung, wie die Zeit vergeht. Es gibt Tage, an denen durchqueren wir zwei Zeitzonen und im Zug herrscht doch immer die Moskauer Zeit. Dennoch reisen ein paar wackere Uhrenumsteller mit, die auf die Frage nach der Uhrzeit die richtige Antwort geben können. Richtig ist dabei relativ und bezieht sich für mich eher darauf, wo ich mich in Gedanken gerade befinde. Ich frage nicht oft nach der Uhrzeit.
Es gibt eine kleine Transit-Strecke auf unserer Fahrt mit der russischen Eisenbahn: durch Kasachstan. Es ist ein Uhr nachts. Stockdunkel draußen, sternenklarer Himmel, die ersten liegen schon in ihren gestreiften Laken auf den zu kurzen Pritschen. Der Zug hält. Niemand vermutet, dass dieser Stopp anders sein könnte, als die anderen. Einige ziehen sich warm an, um nach den Babuschkas und ihren selbstgemachten Leckereien Ausschau zu halten. Stattdessen ist ein riesiger Menschenauflauf auf dem Bahnsteig. Alle haben dicke Pelzmützen auf und recken seltsame Dinge in die Luft: lächerlich überdimensionierte Kassettenrecorder mit rot und grün leuchtenden Lautsprechern, blinkende Kinderfahrräder für die ganz Kleinen, winzige Fernseher und Pelzmützen, solche, wie sie selbst tragen. Ein bizarres Szenario. Alles ist dunkel, nur wenige Lampen auf dem Bahnsteig geben funzeliges Licht auf die bedrohliche Menge ab und die angebotene Ware blinkt bunt. Dazu gestikulieren die Händler wild in Richtung der nicht zu öffnenden Zugfenster. Sascha verhandelt hart per Zeichensprache um eine Pelzmütze für seine kleine Tochter. Wutschnaubend nimmt die Händlerin ihm schließlich an der Zugtür die dargebotenen Rubel aus der Hand und gibt ihm das flauschige Ding. Ich stehe mit müden Augen am Fenster und sehe auf die wogende Menschenmasse hinunter. In meinem Handgepäck ist einfach kein Platz mehr für ein Kinderfahrrad.
Mein Konsumverhalten ist in Russland völlig anders als zuhause. Ich kümmere mich ausschließlich um mein leibliches Wohl und das im Vergleich zu den Australiern und Schweizern eher noch schlecht. Mein Essen ist so knapp gekauft, dass ich eigentlich hinterher immer noch Hunger habe und betteln gehe. Das liegt nur an der Kameraausrüstung. Mit grundsätzlich zwei Stücken Handgepäck ist für eine gepflegte Frühstücksgrundausstattung in der Transsib einfach kein Raum mehr. Roman aus Melbourne hingegen hat von seiner russischen Familie zwei Kiloeimer mit selbstgemachter Preiselbeermarmelade mitbekommen. Die Schweizer haben Olivenöl dabei, selbst mit Salz und Pfeffer abgeschmeckt und Bündner Fleisch, ganz viel, weil es kurz vor der Reise im Angebot war (und auch dann noch sauteuer) und köstliche belgische Schokolade mit Rosenpfefferstückchen.
Die westliche Orientierung hat in Russland Einzug gehalten: Ich kann kein schönes T-Shirt mit kyrillischer Schrift entdecken. Alles nur in „englischer“ Schrift, wie Steven aus San Francisco grinsend bemerkt.
Ansonsten habe ich überhaupt keine Lust, bei Mexx, Mango oder Reebok Russland irgendetwas einzukaufen. Erst nach zwei Wochen Reise habe ich mir etwas „Schönes“ gekauft: einen kleinen, liebevoll mit Perlen und einem Mantra bestickten Mala-Beutel.
Viele Cafés sind schon perfekt gestylt, müssen einen Vergleich mit westlichem Standard nicht scheuen. Ob das erstrebenswert ist .... Aber die Lebensfreude hat auch soviel nachzuholen. Wir tanzen hier nach den Liedern von T.A.T.U., zwei frechen russischen Mädels, die die deutschen Charts gestürmt haben, als wir wieder in Berlin landen. Und auf den Bahnsteigen der Transsib verkaufen ihre Babuschkas noch hausgemachte Blini an die Touristen, um das karge Haushaltsgeld aufzubessern.
Die Nächte in der Transsib sind etwas ganz Besonderes. Ich befinde mich in permanenter Bewegung, in angenehmer Geschwindigkeit (vielleicht so um die achtzig Kilometer in der Stunde), so dass die Kurven, die der Zug nimmt, sachte sind und ich leicht zwischen den Laken hin und her gerollt werde. Ein konstantes Geschuckel, der gleichmäßige aber nie monotone Klang der Räder auf den Schienen ein wunderbares Schlaflied. Vielleicht in seiner Gesamtheit eine Reminiszenz an das pränatale Sein im Mutterleib. Die Fahrt mit der Transsib hat etwas Beruhigendes, Unendliches, Wohliges. Möge die Fahrt nie zu Ende gehen. Gut aufgehoben, gedämpftes Licht und gedämpftes Stimmengemurmel draußen auf dem Gang lassen den Schlaf herannahen. Und selbst wenn ich mehrmals in der Nacht aufwache, empfinde ich es nicht als störend. Es ist lediglich eine Verstärkung des guten Gefühls, dass die Bewegung anhält, ganz verlässlich und vielleicht niemals endend. Mit dieser Illusion ist der Schlaf erholsam - wie kurz er auch sein mag.
Einmal kommen wir um drei Uhr in der Frühe an. Chelyabinsk. „Don´t eat mushrooms here“, gibt Ole uns mit auf den Weg. Wir befinden uns in einem stark radioaktiv verseuchten Gebiet. Niemand vom Zentrum ist da. Auch kein Bus. Unsere Reisegruppe ist ein bisschen fröstelig. Wir hocken auf unserem Gepäck. Caty und Ole sind ärgerlich, nicht, weil es mitten in der Nacht ist, sondern weil dasselbe im Jahr zuvor passiert ist. Nach einer Stunde Warten suchen wir uns alle fahrwilligen Russen mit Autos, die uns ins Hotel Malachit bringen. Ein Taxifahrer ist besonders schlecht gelaunt. Er will uns nicht fahren und steht mit seinem Auto mitten im Weg, versperrt anderen die Ausfahrt, zündet sich seelenruhig eine Zigarette an und betrachtet unsere Bemühungen. Niemand regt sich wirklich auf, es finden sich genügend andere Fahrer. So ist das, wenn Buddhisten reisen.
Ich fühle mich wohl in Russland. Die Sprache klingt wunderbar. Ich befinde mich in Sibirien, unser aller Inbegriff von Unwirtlichkeit und Eiseskälte und kann nicht ein einziges Mal frieren (dank Peter´s ollem Bundeswehrparka, der mich zu einem unförmigen, olivfarbenen Klumpen macht und Anne oft herzlich über mich lachen lässt und den neuen Schuhen, bis angeblich minus 32 Grad der Kälte trotzend). Auch die wattierte schicke Hose, die Marion mir auf den Leib geschneidert hat, besitzt daran großen Anteil. Die Hose fanden viele sie toll finden und wollten auch so eine haben. Ist aber ein Unikat.
Russland ist eine wüste Mischung, ein Land voller Gegensätze: kalt draußen, heiß im Zug, arm außerhalb, reich innerhalb der Hauptstadt, blauer Himmel, weißer Schnee. Aber halt, bei näherem Hinsehen doch eher grau, Monate alt, verhärtet, kein fluffiges Etwas mehr, was mal leise vom Himmel rieselte...
Aber auf dem Baikal schmeckt er noch frisch, den habe ich probiert!
Einen Teil der Reise legen wir im cattle waggon zurück. Diese Erfahrung ist einmalig. Der“Viehwaggon“ macht seinem Namen alle Ehre, denn es gibt keine Türen. Die Abteile haben vier Pritschen und über den offenen Gang hinweg gibt es noch mal zwei Pritschen in Fahrtrichtung. Einige Russen, die nicht zu unserer Reisegruppe gehören, haben sich schon über den gesamten Waggon verteilt, einer in jedem Abteil. Wir sind auf dem Weg nach Nizhni-Nowgorod, etwa zwanzig Stunden Fahrt liegen vor uns. Franka, Christoph, Roman, ein Pole, ein fremder Russe und ich teilen uns diesmal die Pritschen. Der Russe trägt Militärklamotten. Er und sein Freund, der zu Besuch kommt, kichern albern und tuscheln, als sie sehen, dass wir meditieren. Sie trinken Bier und falsche Cola mit Wodka und beobachten uns belustigt, aber die Augen des Jungen in Tarnfarben sind tot. Roman, der Russisch spricht, beginnt nach einer Weile ein Gespräch mit ihm. Schnell wissen wir, was los ist. Mischa ist neunzehn und auf dem Weg in den Tschetschenien-Krieg. Das erklärt seinen Blick. Er hat riesige Angst vor dem, was kommt. Er erzählt Roman, dass er in seinem ersten Jahr beim Militär pausenlos zu Schnecke gemacht wurde und die dreckigsten Arbeiten verrichten musste, bis sein Wille gebrochen war. Und nun ist es seine Aufgabe, die neuen Achtzehnjährigen ebenso zu demütigen. Mischa sitzt mit dem Rücken ans Fenster gelehnt, die Beine angewinkelt, die Zehen verkrampft angezogen. Er zeigt zwei Fotos, die ihn inmitten seiner fröhlichen Clique zeigen. Mischa lächelt nicht mehr über die Meditierenden. Roman und sein Freund Corey nehmen sich seiner an. Als ich im Halbdunkel in meine Laken krieche, um zu schlafen, ist Corey mitten in seiner Massage. „I want to give the boy a little joy before he goes off to war“, flüstert er mir zu. Roman sitzt an Mischas Kopf und fühlt seinen Energien nach. Es herrscht eine beinahe mystische Stimmung. Ich kuschele mich in meine Decke und kurz bevor ich wegdämmere, höre ich, wie Roman zu Corey sagt: „He has got problems with the liver“.
Am nächsten Morgen sind Mischas Augen etwas klarer. Wir steigen bei strahlendblauem Himmel und Sonnenschein aus. Mischa fährt weiter. In den Krieg. Wir machen gute Wünsche, dass er zurückkehrt.
In Nizhni-Nowgorod wohnen wir in einem Hostel, das von außen wie ein Rohbau aussieht und innen verwohnt ist, mit dem Tapetencharme von vor fünfundzwanzig Jahren. Rund um den Eingang sind ein paar kleine blaue Kacheln angebracht. Der gute Wille war wohl da... Die Etagendamen sind noch übriggeblieben aus kommunistischen Tagen. Wer kommt und geht, wann und mit wem. Ein bisschen streng sind sie noch. Wir haben ein Apartment mit zwei Zimmern. „Schlafen hier Männer und Frauen?“ fragt mich eine. Ich sitze auf dem Bett und nicke. „Die Frauen hier und die Männer nebenan“, kann ich sie beruhigen.
Eines unserer Essen hier findet hingegen in einem äußerst eleganten Café statt. Ausgestattet mit dunkelgrün-gold gestreifter Tapete und Bistrostühlen aus dunkel gebeiztem Holz. Es ist Abendbrotzeit. Anne, Steven, Julianne, Witek und ich. Dicht gedrängt um den kleinen runden Tisch. Wir bestellen Bier, Salat, Suppe und ein paar Hauptgerichte. Witek hat Lachs bestellt. Als das Essen kommt, liegt auf seinem Teller ein rundes, langes, rosa Stück Lachs. Damit assoziiert Julianne das edle Teil des Mannes und lässt es uns auch sofort wissen. Sie bringt Witek dazu, die gesamte Garnierung des Tellers darauf hin auszurichten: zwei Zitronenscheiben, krause Petersilie, Maiskörner. Als das Werk fertig ist, macht sie ein Foto davon und Witek aus San Diego hat keinen Hunger mehr. „I can´t eat that now“, sagt er und starrt vor sich auf den Teller. Er hat es dann doch noch gegessen. Zu allem Überfluss war es mit Erdbeermark gefüllt.
Mein Gefühl von Sicherheit ist die ganze Zeit sehr groß. In den Straßen, in der Transsib. Es gibt ein paar Geschichten von versuchten Taschendiebereien, geöffneten Rucksackreißverschlüssen und ein vereitelter Raub am helllichten Tag in der Metro. Anne und ich können ein anderes Erlebnis zum Besten geben. Zwei Tage vor dem Rückflug aus St. Petersburg wollen wir noch mal ein bisschen Geld tauschen. Nur ein bisschen, jeder 25 Euro. In der Wechselstube zieht die Dame das Rollo vor Annes Nase zu und macht eine Pause. Und das nach zwanzig Minuten Warten. Wir versuchen es daraufhin im Kaufhaus gegenüber. Es gibt einen Exchange-Schalter. Die Frau drinnen dreht sich weg, als sie Anne gewahr wird. In diesem Moment spricht uns ein Mann an. (Hinterher wird uns klar: das ist ein Team). Ob wir tauschen wollen. Wir nicken, fünfzig Euro. Dafür wollen wir 1700 Rubel haben. Er bietet uns weniger an. Wir sagen nein, 1700. „Darf man denn so tauschen?“ fragt Anne. Ich zucke die Schultern. Ob wir nicht 100 Euro tauschen wollen, fragt er. Nein, fünfzig. Er zählt das Geld ab und gibt es mir. Ich zähle nach. 1650 Rubel. Ich sage ihm, dass fünfzig fehlen. Er nimmt das Geld zurück, zückt auch schon den Fünfzig-Rubel-Schein und gibt mir den Packen mit viel zu vielen Zehnern zurück - und ich Trottel zähle nicht ein zweites Mal nach. Er nimmt die Euros und gibt uns noch den guten Tipp, das Geld schnell wegzupacken, wegen Dieben und so. Wir suchen uns eine ruhige Ecke, um das Geld aufzuteilen und: die Fünfhunderter sind weg! Zweihundert mickrige Rubel stecken in meiner Hand. Ein simpler Taschenspielertrick, perfekt ausgeführt an zwei blonden Touristinnen. Obwohl wir enttäuscht sind, muss ich mir eingestehen, dass ich gewissen Respekt vor dieser Fingerfertigkeit habe. „Weißt du“, sage ich zu Anne, „es ist sein eigenes Karma, das er sich damit versaut. Vielleicht wird er als Regenwurm wiedergeboren und dann kommt so ein zweijähriger Knirps, teilt ihn in drei Stücke und freut sich, dass jedes Teil weiterlebt, weil es ja noch zuckt!“
Die Welt ist winzig klein. Russland war fern, nicht ein einziger Gedanke trug mich dahin. Nach nur drei Wochen ist Russland mir sehr nah. In Tomsk, an einem in laternengelbes Licht getauchten Abend mit Schneegestöber hatte ich für einen Augenblick das Gefühl, dort leben zu können.
Der russische Geist ist wunderschön. Vielleicht bewahren die Menschen ihn sich und integrieren ihn in das, was sie jetzt erstrebenswert finden (dürfen).
Februar/März 2003
© Astrid Doerenbruch
















